Die Ökobilanz: Wie wirkt unser Konsum aufs Klima?

Kurz gefasst: das Wichtigste zur Klimawirkung von Lebensmitteln

  •  Ökobilanzen oder Lebenszyklusanalysen fassen die Treibhausgasemissionen zusammen, die mit der Bereitstellung eines Produkts über Sektoren- und Ländergrenzen hinweg entstehen.
  •  Es kursieren höchst unterschiedliche Werte von CO2-Fußabdrücken für ein und dieselbe Art von Lebensmitteln; dies liegt unter anderem an unterschiedlichen Produktionsweisen und Bewertungsrahmen, die zum Beispiel für ein Kilogramm Rindfleisch einmal 15 Kilogramm und ein anderes Mal 100 Kilogramm CO2-Äquivalente ergeben können. Wie und unter welchen Umständen produziert wird, hat also großen Einfluss. 
  •  Generell haben tierische Lebensmittel, vor allem die von Wiederkäuern wie Rindern, einen deutlich höheren CO2-Fußabdruck als pflanzliche Lebensmittel; gleichzeitig lässt die reine Betrachtung der Klimawirkung pro Kilogramm Lebensmittel wichtige Aspekte aus, wie etwa den Nährstoffgehalt, die biologische Wertigkeit von Eiweiß oder die regionalen Standortbedingungen für die Landwirtschaft. 
  •  Aufgrund von Klima und Topografie ist in den Alpenregionen die Rinderwirtschaft die traditionelle Form der Erzeugung von für Menschen gut verdaulichem Eiweiß. Für die Erzeugung pflanzlicher Lebensmittel herrschen hier weniger günstige Bedingungen als etwa im Osten Österreichs.
  •  In Österreich produzierte Lebensmittel sind im internationalen Vergleich häufig klimafreundlicher als andere.

     

Österreich ist Teil einer inzwischen stark globalisierten Welt. Unser Wohlstand beruht wesentlich auch darauf, dass wir Produkte wie Käse, Wein oder Autoteile in andere Teile der Welt verkaufen und umgekehrt Waren wie Zitrusfrüchte, Sojabohnen oder Computer importieren, die sich in anderen Weltregionen günstiger herstellen lassen. Allerdings verfälscht dieser Umstand unsere offizielle Klimabilanz, die gemäß den internationalen Regeln nur jene Emissionen wertet, die bei der Produktion direkt auf dem eignen Territorium entstehen.

Die sogenannte Ökobilanz ist dagegen schonungslos. Sie offenbart – jedenfalls im Idealfall – sämtliche Treibhausgasemissionen, die mit der Bereitstellung eines Produkts über Sektoren- und Ländergrenzen hinweg entstehen. Sie schließt damit die Informationslücke, die der rein nationale, produktionsorientierte Ansatz hinterlässt. Bekannt ist die Ökobilanz auch als Lebenszyklusanalyse (oder engl.: life cycle assessment).

Ökobilanziererinnen analysieren von der Gewinnung der Rohstoffe und der Produktion von Betriebsmitteln über die Herstellung des eigentlich betrachteten Gegenstandes alle relevanten Treibhausgasquellen. Wenn es um Lebensmittel geht, dann reichen sie von der Rodung eines Waldes zur Gewinnung von Agrarflächen über die Düngung und den Verdauungsapparat von Wiederkäuern bis zum Transport und der Kühlung des fertigen Produkts im Supermarkt. Der Einzelhandel ist oftmals die Systemgrenze, diese kann aber auch am Hoftor des landwirtschaftlichen Betriebs liegen. In manchen Fällen wird auch der CO2-Ausstoß der Essenszubereitung sowie der anteilige Verlust von Lebensmitteln und die Entsorgung von Abfällen mit eingerechnet.

Damit bei der Ausarbeitung solcher Bilanzen kein heilloses Durcheinander entsteht, gibt es ISO-Normen, an die sich seriöse Berechnungen halten. Aber selbst, wenn man streng nach Norm arbeitet, bleiben große Spielräume offen. Ob und in welchem Ausmaß man zum Beispiel den Landbedarf einer bestimmten Produktionsform in Rechnung stellt, wird sehr unterschiedlich gehandhabt. Jede Betrachtungsweise kann ihre Anhängerschaft unter den Forschenden finden. Solange sämtliche Annahmen und Rechengänge sauber und nachvollziehbar dokumentiert sind, ist das erstmal ok.

Ein Lebensmittel - viele Zahlen

Eine Herde schwarzer und brauner Angusrinder | © iStock

Bei der Berechnung des CO2-Fußabdrucks (englisch: Carbon Footprint) bestimmter Produkte oder Produktkategorien kommt es also sehr darauf an, was genau man wie betrachtet. Für ein und dieselbe Produktkategorie kursieren zum Teil viele unterschiedliche Werte von CO2-Fußabdrücken. So liest man etwa für ein Kilogramm Rindfleisch manchmal von knapp 100 Kilogramm CO2-Äquivalente, während an anderer Stelle von 15 oder gar 8 Kilogramm die Rede ist. Wie kann das sein? Verrechnet sich die Wissenschaft ständig und muss sich später wieder korrigieren? Ist der eine Wert richtig, während der andere falsch ist?

Nein, dieser Vorwurf wäre zu einfach. Wissenschaft ist oft vielschichtig und kompliziert. Die Unterschiede zwischen veröffentlichten Zahlen liegen vor allem an höchst verschiedenen Betrachtungsgegenständen sowie an unterschiedlich gesetzten Grenzen des Bewertungsrahmens. Studie ist eben nicht gleich Studie und Rindfleisch ist nicht gleich Rindfleisch.

Im genannten Beispiel stammt der höchste Wert von 100 Kilogramm CO2-Äquivalente aus einer vielzitierten internationalen Studie20 und gibt einen globalen Durchschnittswert für Rindfleisch von reinen Fleischherden wieder. Von Herden also, die allein zur Fleisch- und nicht zur Milchproduktion gehalten werden. Zudem fließen hier die Emissionen entlang der gesamten Versorgungskette bis zur Ladenkasse mit ein und ein nicht unerheblicher Anteil sogar für die Verschwendung von Rindfleisch.

Grundsätzlich macht es auch einen großen Unterschied, ob man Emissionen auf das ganze Tier, den Schlachtkörper mit Knochen oder auf das fertige Steak bezieht.

Der CO2-Fußabdruck: Gesamtwirkung aller Treibhausgase

Der CO2-Fußabdruck spiegelt also die Gesamtwirkung aller Treibhausgase wider, die im Zusammenhang mit der Bereitstellung oder Nutzung eines Produkts ausgestoßen und mittels Ökobilanzierung zusammengerechnet werden. Standardmäßig ist der CO2-Fußabdruck eines Lebensmittels in Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilogramm Lebensmittel angegeben.

Achtung: Manche Berechnungen enden am Hoftor des landwirtschaftlichen Betriebes (Systemgrenze „farm gate“) und lassen jene Treibhausgase unberücksichtigt, die erst danach entstehen, sei es etwa durch Transport, die Verpackung oder die Kühlung.

Auch am Beginn der landwirtschaftlichen Produktionskette gibt es wissenschaftliche Diskussionen darüber, wie manche Dinge bewertet werden sollten. Zum Beispiel, welche Klimakosten allein dadurch entstehen, dass ein Stück Land überhaupt landwirtschaftlich genutzt wird. Schließlich könnte es auch vollständig der Natur überlassen werden und – je nach Eignung des Standorts – als Wald oder Moor CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen. Wir kommen auf die Bedeutung solcher Fragen noch zurück.

Klima-Kosten des Essens: der globale Vergleich von Poore & Nemecek

Globale Durchschnittswerte sagen im Zweifel wenig über heimische Lebensmittel aus. Dennoch lohnt sich ein Blick auf einen der größten Vergleiche, die in jüngster Vergangenheit errechnet wurden. Die beiden Wissenschaftler Joseph Poore von der Universität Oxford in England und Tomas Nemecek von der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope in der Schweiz werteten dazu Daten von 38.700 Bauernhöfen in 119 Ländern aus. Hinzu kamen die Zahlen von 1.600 unterschiedlichen verarbeitenden Betrieben, Verpackungsarten und Lebensmittelhändlern. Im Rahmen ihrer Metaanalyse errechneten die Wissenschaftler unter anderem den CO2-Fußabdruck für 40 Nahrungsmittel als globalen Durchschnittswert.

Die Ergebnisse bestätigen manches von dem, was sich inzwischen herumgesprochen hat. Etwa, dass Fleisch von Rindern und Schafen (Wiederkäuern) den größten CO2-Fußabdruck unter den gängigen Lebensmitteln mit sich bringt. Das liegt vor allem daran, dass im Verdauungsapparat der Wiederkäuer von Natur aus das Klimagas Methan entsteht. Aus demselben Grund kommt Milch mit einem rund dreimal höheren CO2-Fußabdruck daher als die Alternative in Form von Soja-Drink. (Generell sollte man beim Vergleich von Lebensmitteln auch deren Nährwert und andere Aspekte im Blick haben. Mehr dazu im Abschnitt Die Bedeutung der Bezugsgröße: "Pro Kilogramm Produkt". In Zahlen gegossen wird deutlich, dass tierische Lebensmittel bei dieser Betrachtung der globalen Durschnitte eine 10- bis 50-fach größere Klimawirkung haben als pflanzliche. Unterschiede in ähnlicher Größenordnung bleiben auch dann bestehen, wenn die Tierproduktion vergleichsweise ressourcenschonend und nachhaltig gestaltet ist. De facto konsumieren die meisten Menschen auf der Welt tierische Lebensmittel oder beginnen vermehrt damit, sobald sie der absoluten Armut entrinnen. Daher hat die Produktionsweise beziehungsweise die Herkunft dieses Teils unserer Ernährung dennoch erhebliche Auswirkung aufs Klima und mitentscheidende Bedeutung. Mehr dazu im Abschnitt: Vergleichsweise klimafreundlich: tierische Lebensmittel aus Österreich.

Verwirrende Statistik: Warum Durchschnitt nicht gleich Durchschnitt ist

Verwirrung kann durch Feinheiten der Statistik entstehen. So kann es einen beträchtlichen Unterschied machen, was genau sich hinter dem umgangssprachlichen Begriff „Durchschnitt“ verbirgt. In der Regel ist damit das sogenannte arithmetische Mittel gemeint, bei dem die Summe aller Werte durch die Anzahl der Werte geteilt wird. Beispiel: 14,4 ist das Mittel aus 2, 3, 4, 7 und 56.

CO2-Fußabdrücke mit Überraschungspotenzial

Mann arbeitet auf Reisfeld | © Timo Küntzle, Land schafft Leben

Die Werte zeigen auch Zusammenhänge auf, die in öffentlichen Debatten und Medienberichten vergleichsweise selten zur Sprache kommen. Einige Beispiele:

  •  Die Studie belegt den oben bereits beschriebenen Unterschied zwischen Fleischrassen und Zweinutzungsrassen im direkten Vergleich: Bei Anlegen desselben Maßstabes zeigt sich der Klimarucksack des Fleischs reiner Fleischherden im globalen Schnitt dreimal so groß wie der des Fleischs von Milchviehherden.
     
  •  Der CO2-Fußabdruck von Reis ist deutlich größer als der von Milch und fast dreimal so groß wie der von Weizen. Grund: Reisfelder werden in der Regel temporär mit Wasser geflutet, um Unkraut zu unterdrücken. Dabei entstehen durch den Sauerstoffentzug und mikrobielle Prozesse im Boden beträchtliche Mengen des klimaschädlichen Methans.
     
  •  Faktoren wie der Transport, die Kühlung oder die Verpackung von Lebensmitteln, denen häufig viel Beachtung zuteilwird, tragen meist nur einen kleinen Teil zum gesamten CO2-Fußabdruck unseres Essens bei. Eine ungleich größere Bedeutung hat dagegen die Frage, welches Lebensmittel konsumiert wird und wie es hergestellt wurde.

Große Unterschiede je nach Produktionsweise

Gerstenfeld mit Feldmaschinen | © Timo Küntzle, Land schafft Leben

Besonders bemerkenswert sind die immensen Unterschiede, die sich hinter den globalen Durchschnittszahlen verbergen. Darauf machen Poore und Nemecek in ihrer im Jahr 2018 im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichten Studie explizit aufmerksam. Selbst bei Lebensmitteln mit generell eher kleiner Kimawirkung, wie Weizen oder Roggen, gibt es große Unterschiede zwischen einzelnen Produzenten. Anders ausgedrückt: Ein Sack Weizen von Bauer A kann einen um ein Mehrfaches größeren CO2-Fußabdruck haben als ein qualitätsmäßig identischer Sack voll Weizen von Bäuerin B.

In den Produktionsmethoden, also der Frage, wie genau der Weizen produziert wird, liegt daher ein beachtliches Potenzial zur Reduktion von Treibhausgasen.

CO2-Äquivalente und Rindfleisch: 20 oder 200 Kilogramm?

In der Poore-und-Nemecek-Studie zeigt sich dies noch eindrücklicher bei Lebensmitteln, die generell einen schweren CO2-Rucksack mit sich herumschleppen. Beispiel Rindfleisch. Hier spielen nämlich noch weit mehr Faktoren eine Rolle als die bereits thematisierte Frage „Milchherde oder Fleischherde?". Von Bedeutung sind auch Faktoren wie die Mastdauer von Stieren oder, im Fall von Kühen, die Nutzungsdauer der Tiere. Die Futtermengen, die die Tiere bis zur Schlachtung verbrauchen oder der Grad an Effizienz, mit der dieses Futter angebaut wird, haben neben anderen Faktoren ebenfalls erheblichen Einfluss.

Die unterschiedlichen Produktionsbedingungen drücken sich in einer erstaunlichen Bandbreite der Klimawirkung von Rindfleisch aus: Salopp gesagt liefern die schlechtesten zehn Prozent der Fleischherden-Lieferketten das Kilo Rindfleisch um 210 Kilogramm CO2-Äquivalente oder mehr, während die besten zehn Prozent der Milchvieh-Lieferketten das gleiche Produkt mit 18 Kilogramm CO2-Äquivalente oder weniger bereitstellen, also um ein Zwölftel der schlechtesten. Studien für Österreich zeigen, dass heimische Lieferketten zu den besseren zählen. Mehr dazu, zwei Abschnitte weiter.

Die Bedeutung der Bezugsgröße: „Pro Kilogramm Produkt“ sagt nicht alles

Die Betrachtung der Klimawirkung pro Kilogramm Lebensmittel ist gut für den groben Vergleich zwischen verschiedenen Lebensmittelkategorien. Versteift man sich aber auf diesen Blickwinkel, können wichtige Informationen unter den Tisch fallen.

Ein plakativ gewähltes Beispiel: Vergleicht man ein Kilogramm Tomaten mit einem Kilogramm Eier, dann schneiden die Eier in Sachen Klimabilanz deutlich schlechter ab. Die Bilanz verkehrt sich allerdings ins genaue Gegenteil, sobald man eine andere Bezugsgröße anlegt. Pro 1.000 Kalorien, die im Lebensmittel stecken und auch pro 100 Gramm Eiweiß oder Fett, die es liefert, schneiden Eier deutlich besser ab als Tomaten. Grund dafür ist der Umstand, dass das Gemüse zu fast 95 Prozent aus Wasser besteht, während die Nährstoffe in Eiern wesentlich konzentrierter vorliegen.  

Im Grunde hinkt aber auch dieser Vergleich, da die Frage im Alltag ja nicht lautet „Ei oder Tomate?“. Sinnvoller erscheinen daher Vergleiche zwischen Lebensmitteln, deren Nährwert auf demselben vordergründigen Nährstoff beruht, also etwa der Vergleich eiweißreicher Lebensmittel wie Eier und Tofu. Tut man dies, dann schneidet das pflanzliche Lebensmittel wieder besser ab – auch bezogen auf den Eiweißgehalt. 

Damit ist aber noch nicht alles zur Bedeutung der Bezugsgröße gesagt. Wichtig ist nämlich nicht allein der Eiweißgehalt eines Lebensmittels, sondern auch die biologische Wertigkeit der enthaltenen Eiweißstoffe. Die biologische Wertigkeit ist ein Maß dafür, welcher Anteil des enthaltenen Eiweiß verdaut und in körpereigenes Eiweiß umgesetzt werden kann. Da Eiweiße aus unterschiedlichen Aminosäuren zusammengesetzt sind, entscheidet das Aminosäuremuster eines Lebensmittels über die biologische Wertigkeit.

Die biologische Wertigkeit eines Hühnereis hat definitionsgemäß den Referenzwert von 100, Sojaprotein (Tofu) hat, je nach Quelle, eine biologische Wertigkeit von 86 und Erbsenprotein von 5623. Man muss also fast doppelt so viel Erbseneiweiß aufnehmen, um dieselbe Menge körpereigenes Eiweiß aufbauen zu können wie durch den Verzehr von Eiern. Bei Tofu ist die Diskrepanz deutlich geringer. 

Auch der Gehalt an Mineralen, Vitaminen oder anderen wichtigen Nahrungsbestandteilen spielt eine nicht unwesentliche Rolle. All dies zeigt, dass die jeweiligen Inhaltsstoffe eines Lebensmittels und ihre Rolle als Teil einer gesunden und abwechslungsreichen Ernährung auch bei der Beurteilung der Klimawirkung mitbedacht werden müssen.

Auch andere in diesem Hintergrundbericht genannte Aspekte sollten bei der grundsätzlichen Beurteilung eines Lebensmittels eine Rolle spielen. Dazu gehören:

  •  natürliche Voraussetzungen einer Produktionsregion (Klima, Topografie, Böden) und standortgerechte Landwirtschaft
  •  Biodiversität durch landwirtschaftliche Nutzung (mehr zu diesen beiden erstgenannten Punkten im Abschnitt Vom Wert des Grünlands
  •  ressourcensparende Verwertung von Rest- und Nebenprodukten (siehe dazu Abschnitt Pflanzen für den Teller und Pflanzen für den Trog 
  •  kulturell erlernte Ernährungsgewohnheiten
  •  gesundheitliche Aspekte
  •  Tierwohl
  •  etc.

Vergleichsweise klimafreundlich: tierische Lebensmittel aus Österreich

Vier Ferkel auf Vollspaltenboden | © Land schafft Leben

Egal, wie man es dreht und wendet: Tierische Lebensmittel verursachen im Vergleich zu pflanzlichen in aller Regel einen vielfach erhöhten Ausstoß von Treibhausgasen. Geht man allerdings davon aus, dass Fleisch, Milch und Eier aus verschiedenen zuvor genannten Gründen auch in Zukunft einen wichtigen Bestandteil der menschlichen Ernährung ausmachen, dann zeigt sich die Relevanz unterschiedlicher Produktionssysteme beziehungsweise Herkünfte dieser Produkte. Die Bandbreite der CO2-Fußabdrücke ist enorm, je nachdem, wie genau das Lebensmittel hergestellt wird.

So schreibt etwa die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO in einer groben Annäherung über Treibhausgas-Intensitäten: „Die Intensitäten unterscheiden sich signifikant zwischen den Weltregionen, wodurch die starken Unterschiede bei der Effizienz der Produktion widergespiegelt werden. So ist zum Beispiel die Emissionsintensität von Rindfleisch in Afrika (66 kg CO2-Äq./kg) doppelt so groß wie im globalen Durchschnitt und liegt in Europa ungefähr bei dessen Hälfte (17 kg CO2-Äq./kg).“24

Darum schneiden heimische Lebensmittel oft besser ab

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass insbesondere tierische Lebensmittel aus Österreich im Vergleich zu anderen Herkunftsländern meist besser abschneiden. Dazu gehören ganz allgemein die eher modernen Produktionsmethoden sowie der Einsatz von Wissen und Technologie beschrieben am Beispiel der Düngerausbringung.

Welche Rolle spielt der Transport von Lebensmitteln bei der Klimabilanz?

Drei LKW's auf Parkplatz beim Beladen | © Land schafft Leben

Lebensmittel seien besonders klimaschädlich, wenn sie von weit her nach Österreich importiert werden, heißt es oft. Und in der Tat: Unter ansonsten gleichen Produktionsbedingungen kann die Entfernung zwischen dem Produktionsort und dem Ort des Konsums den entscheidenden Unterschied bei der Treibhausgasbilanz ausmachen.

Wahr ist allerdings auch, dass der Transport eher selten hauptverantwortlich für eine schlechte Klimabilanz von Lebensmitteln ist. Insgesamt kommen im globalen Durchschnitt, laut der Studie von Poore und Nemecek, gerade mal sechs Prozent der Treibhausgasemissionen der Lebensmittelproduktion aus dem Transport. Der Löwenanteil entsteht dagegen durch das Wirtschaften auf den Feldern, Weiden und in den Ställen.

Der Transport per Flugzeug ist zwar in der Tat äußerst klimaschädlich, betrifft aber nur einen marginalen Anteil unseres Essens. Neben dem Bahn- und LKW-Transport fällt der allergrößte Anteil (fast 60 Prozent) der globalen Lebensmittel-Kilometer auf den Wasserweg. Die auf den Weltmeeren kreuzenden Frachtschiffe können bis zu mehrere hunderttausend Tonnen Waren laden, sodass der Treibstoffverbrauch pro Kilogramm Lebensmittel verschwindend gering bleibt. Dennoch verursacht jeder Transport selbstverständlich Emissionen und die Frage nach der Sinnhaftigkeit weltumspannender Lebensmitteltransporte bleibt legitim, vor allem dann, wenn Alternativprodukte ebenso gut aus der Region zu haben sind, oder, wenn die Massenproduktion einen übermäßigen und verschwenderischen Konsum ermöglicht. Auch darf all dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Verkehrs- beziehungsweise Transportsektor insgesamt eine bedeutende Rolle spielt. In Österreich war die Beförderung von Waren und Personen im Jahr 2020 laut Klimaschutzbericht für zweieinhalb-mal so viele Emissionen verantwortlich (28 Prozent aller Emissionen) wie der Sektor Landwirtschaft (11 Prozent).

Fleischkonsum und Fliegen im Vergleich

Übrigens: Wie sehr der Transport per Luftfracht auf die Klimabilanz drückt, zeigt sich auch dann, wenn wir uns selbst per Flugzeug transportieren lassen. So verursacht der Flug einer Person von Wien nach Rom und zurück ungefähr dieselbe Klimawirkung wie der Verzehr von 80 Rindersteaks aus österreichischer Produktion á 250 Gramm. Wer seine Flugreise statt in die italienische Hauptstadt in Richtung des Surf- und Badeparadieses Bali antritt, der verursacht rechnerisch sogar fast die vierzehnfache Klimawirkung einer Rom-Reise. Der Beitrag zur globalen Erwärmung ist dann genauso groß, wie der Verzehr von 1.112 Rindersteaks.

An dieser Stelle wurde bewusst ein sehr plakativer Vergleich angestellt. Anhand einer groben Berechnung wurden zwei Formen des Konsums gegenübergestellt, die man im Grunde nicht vergleichen kann, die aber beide real existierende menschliche Bedürfnisse abdecken und Treibhausgasemissionen verursachen. Während bei den Emissionen des Steaks Faktoren wie Kühlung oder Zubereitung in der Pfanne unberücksichtigt bleiben, sind auch bei den Flugreisen zusätzlich anfallende Aktivitäten zwischen Hin- und Rückflug, wie etwa Autofahrten oder Bootstouren, nicht inkludiert. 

Können spanische Tomaten klimafreundlich sein?

Cocktailtomaten | © Land schafft Leben

Selbst der LKW-Transport von Südeuropa nach Österreich muss einem Klimavorteil nicht im Wege stehen. Dies zeigt sich etwa, wenn man österreichische Tomaten, die im Winter in einem mit Erdgas beheizten Gewächshaus heranwachsen, mit spanischen Tomaten vergleicht. Die spanischen benötigen selbst im Winter keine oder kaum Heizenergie, sodass sie in Sachen Klimabilanz – trotz des weiten Weges – besser abschneiden als die heimischen.

Der entscheidende Faktor ist hier die Heizenergie und nicht der Transport. Der Zusammenhang zeigte sich im Winter 2022/23 eindrücklich. Die außergewöhnlich hohen Gaspreise haben heimische Gemüseproduzenten zur vorrübergehenden Einstellung der Produktion27 bewegt, sofern sie ihre Gewächshäuser nicht mit Geothermie oder anderen regenerativen Energien warmhalten konnten. Zu hoch wären die Preise, die man vom Kunden für eine kostendeckende Produktion hätte verlangen müssen.

Zum schlagenden Faktor der Tomatenproduktion in Sachen Klimabilanz wird der Transport allerdings im Sommerhalbjahr. Dann muss auch in Österreich nicht beheizt werden, sodass der Transport von Südeuropa die Import-Tomaten in der Regel zur schlechteren Wahl in Sachen Klimabilanz macht. Unsere Grafik zeigt Zahlen am Beispiel Deutschland, die aufgrund ähnlicher Bedingungen mit der Situation in Österreich vergleichbar sind. Dieser Zusammenhang macht klar: Lebensmittel werden nicht allein aufgrund regionaler Herkunft klimafreundlicher, vielmehr braucht es in der Regel das Zusammentreffen von Regionalität und Saisonalität. Als saisonal kann ein Produkt gelten, wenn es zum jeweiligen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort geerntet oder – im erweiterten Sinne – aus der Lagerhaltung regionaler Produktion bezogen werden kann.

Auch dieses Beispiel zeigt, wie wichtig genaues Hinsehen beim Klimafußabdruck sein kann. Gänzlich unabhängig vom Treibhausgasausstoß können aber auch weitere Produktionsbedingungen wie etwa der Umgang mit lokalen Wasserressourcen oder die Arbeitsbedingungen Einfluss auf die Nachhaltigkeitsbewertung insgesamt, so wie natürlich den Verkaufspreis des Produkts nehmen.

„Vergessener“ Transport – die Grenzen der Ökobilanz

Wie akribisch die Ökobilanz auch erstellt wurde, irgendwo stößt sie immer an Grenzen. Eine dieser Grenzen liegt ganz am Ende der Betrachtungskette. Wie erwähnt schließen die meisten Kalkulationen entweder am Hoftor des landwirtschaftlichen Betriebs oder an der Ladentheke. An diesem Punkt liegt das Lebensmittel aber längst noch nicht auf dem Teller vor uns. Dennoch bleibt der Weg zwischen Regal und Küchentisch bei gängigen Ökobilanzen außen vor. Dabei hat er das Potenzial, die individuelle Klimabilanz des Lebensmitteleinkaufs maßgeblich zu beeinflussen.

Ein grob gerechnetes Beispiel: Angenommen jemand lebt auf dem Land und erledigt seine Einkäufe mit dem Auto, so wie es in diesem Fall häufig unumgänglich ist. Wie würde es sich auf die Einkaufsbilanz dieser Person auswirken, wenn sie eigens für zwei Tassen Erdbeeren (500 Gramm) einen zusätzlichen Weg von fünf Kilometern fährt? Laut CO2-Rechner28 wird auf diesen fünf Kilometern mit einem Mittelklasse-Benziner (Verbrauch 7 Liter/100 km) ein Kilogramm CO2 ausgestoßen, während das halbe Kilo Erdbeeren rund 0,3 Kilogramm29 CO2-Äqivalente an produktionsbedingten Treibhausgasen verantwortet (Mittelwert mehrerer Herkunftsländer). Der Umweg zum Hofladen oder Selbstpflücker-Feld hat in diesem Fall also den dreifachen Klimaabdruck der Erdbeeren.

„Klimaneutrale“ Lebensmittel – zukunftsweisend oder Greenwashing?

In der Regel sind es zwei Arten von Maßnahmen, mit denen Unternehmen die Klimaneutralität ihrer Produkte begründen:

  1. die Reduktion der im Produktionsprozess anfallenden Emissionen
  2. Kompensation der als unvermeidlich betrachteten Rest-Emissionen mittels CO2-Bindung

Ersteres kann durch eigene Maßnahmen bzw. solche der zuliefernden landwirtschaftlichen Betriebe erreicht werden. So kann etwa der Verzicht auf Importfuttermittel mit hoher Landnutzungsbelastung oder die Umstellung auf regenerative Energien in der Lebensmittelverarbeitung den CO2-Fußabdruck eines Produkts verkleinern. Solche Reduktionsmaßnahmen lassen sich vergleichsweise leicht überprüfen und nachvollziehen.

Schwieriger ist dies bei der Kompensation von Emissionen. In der Regel soll dies durch den Kauf von Zertifikaten gewährleistet werden. Mit solchen Zertifikaten erwirbt man eine Art Anteil an einem Klimaschutzprojekt, zum Beispiel einem Aufforstungsprojekt. Firmen, die solche Zertifikate verkaufen, werben damit, dass die Wirksamkeit der Projekte von unabhängigen Dritten laufend kontrolliert wird. Neben Aufforstung können über den Zertifikatankauf viele andere Klimaschutzmaßnahmen finanziert werden. Auch die Renaturierung eines Moores, der Aufbau einer regenerativen Energieversorgung oder die Finanzierung von Solarkochern für in Dörfern lebende Menschen in Afrika können dazugehören.  

Du möchtest mehr erfahren? Lies gleich weiter: